Der
Sinn des Lebens
KABARETT „Mitsubischi“ von Alf Poier macht da weiter, wo „Zen“ geendet
hat: bei synästhetischem Nonsense am Rande des Nervenzusammenbruchs. KLAUS TASCHWER
Ehe in
Alf Poiers Programm „Mitsubischi“ das erste Mal vom Titelhelden die
Rede ist, dauert es eine gute Stunde. Bis dahin hat man schon einiges
erlebt, denn der Vordenker des Unsinns hat es eilig mit seinen Wuchteldruckereien,
für die jedes Ausdrucksmittel gerade recht ist: Zeichnen, Malen und
Formen; Singen, Tanzen und Springen. Das Ausgangsmaterial für diesen
synästhetischen Nonsense bleibt über weite Strecken die Sprache: vorzugsweise
das zusammengesetzte Hauptwort. Oder Homophone, also Wörter, die gleich
ausgesprochen, unterschiedliche Bedeutungen haben: Sissi-Fuß und Sisyphus
zum Beispiel. Oder: der Katalog und der Kater log.
Aus dieser
Differenz bastelt, dichtet und zeichnet der Komiker Wortwitze, dass
es ? nicht zuletzt: dem Künstler selbst ? nur so eine Freude ist: Eine
Streichwurst wird da zu einem Hartwurstobjekt mit drangeklebten Pinsel,
ein gezeichnetes Pony mit einem M am Bauch versinnbildlicht die Kultband
des Discozeitalters.
Dabei und
daneben fahndet Poier stets nach dem tieferen Sinn des Lebens und anderen
letzten Dingen. Im Schnelldurchgang werden die wichtigsten Lehren der
großen Philosophen durchgenommen: Laotses Tao erscheint als obskures
Bastelobjekt, das „Alles fließt“ von Heraklit verweist darauf, dass
die Welt der Griechen anscheinend noch anders beschaffen war („zwei
Liter Holz“), Kant wird zum Erfinder der Kantwurst erklärt, und Nietzsche
ist sowieso böse, weshalb ihm auch ein todtrauriges Mädchenmörderlied
gewidmet ist.
Traurig
und lustig, banal und genial ? Poiers temporeiche Irrwitz-Revue lebt
neben den Wortspielen von den harten Kontrasten. Einer der Höhepunkte:
ein Med- bzw. Madley, für das der Musiker Poier in John-Zorn-Manier
alle paar Sekunden sehr gekonnt das Thema wechselt. Nur sind die Musikwelten
des Obersteirers um einiges volksnäher als die des New Yorker Jazzers:
„Lola“ von den Kinks wird ebenso angespielt wie die Bayern-Hymne „Patrona
Bavariae“, Fendrichs „Macho“, Rammsteins „Bücke Dich“ oder das Kirchenlied
„Heilig ist der Herr“.
Der bildende
Künstler Poier wiederum entführt mit großformatigen Bildern in Parallelwelten,
die von August Walla stammen könnten ? mit dem Unterschied, dass die
nachgelieferten Interpretationen noch einmal jede Verrücktheit ad absurdum
führen. Ich sage nur „Muku muku“. Schließlich ist irgendwann kurz von
Mitsubischi die Rede und dass der Sinn des Lebens in einer versalzenen
Eierspeise liege ? ehe die Welt endgültig für plemplem erklärt wird.
Wohl wahr.
Bis 2.12. täglich außer So und Mo, 20 Uhr, in der Kulisse (17., Rosensteingasse
39). Reservierung: Tel. 485!38!70.
„Ich will selber lustig sein“
KABARETT Der steirische Humor-Anarchist Alf Poier über sein neues Programm
„Mitsubischi“, über Nietzsche und den Nihilismus, die Taliban und seinen
Lieblingswitz. WOLFGANG KRALICEK und KLAUS TASCHWER
Der 34-jährige
Alf Poier gilt spätestens seit seinem zweiten Programm „Zen“ (1999)
als die österreichische Antwort auf Helge Schneider. Die Auftritte des
Steirers, dessen Karriere als Schlagzeuger und Volksmusiktexter begann,
sind wilde Materialschlachten mit obskuren Objekten und krakeligen Zeichnungen,
philosophischem Nonsens und brachialen Hardrocknummern. Seit dem Vorjahr,
als Poier mit dem renommierten Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet
wurde, ist er regelmäßig zu Gast in den diversen Comedy-Sendungen des
deutschen Privatfernsehens; wegen der großen Nachfrage nach „Zen“-Vorstellungen
in Deutschland musste die neue Show um beinahe ein Jahr verschoben werden.
Jetzt aber ist es so weit: Am 8.11. hat in der Wiener Kulisse Alf Poiers
drittes Programm Premiere.
Falter:
Ihr neues Programm heißt „Mitsubischi“. Was bedeutet das?
Alf Poier: Mitsubischi ist der Name für einen Mann, der alles gehabt
hat. Er war arm und reich, hat gehurt und Kinder gezeugt, lässt dann
alles hinter sich und geht in den Busch. Irgendwann beschließt er, wieder
zurückzukommen, weil der Mensch ist ja ein soziales Wesen. Die Leute
lachen ihn aus und sagen: „Der ist ja komplett mitsubischi!“ Andere
verehren ihn und wollen seine Schüler sein.
Mitsubischi ist also der Held des Programms?
Ja,
aber das weiß man nicht so genau. „Mitsubischi“ ist für mich auch ein
geläuterter Zustand. Jedenfalls hat es nichts mit Autos zu tun. Ich
mag mir einfach nicht so typische Kabaretttitel ausdenken wie „Nie wieder
Sex“. Da merkt man, dass sich da jemand hingesetzt und nach einem Thema
gesucht hat. Das Thema ist bei mir ohnehin immer da. Bei „Mitsubischi“
gefällt mir einfach der Wortlaut ? und außerdem wird man auf der Straße
ständig daran erinnert.
Was sagt eigentlich die Autofirma Mitsubishi dazu? Unterstützt die das
Programm?
Nein, gar nicht. Die wollten mich klagen. Der Marketingchef hat sich
zuerst „Zen“ angeschaut und gesagt, dass ich den Namen verwenden kann.
Aber dann haben sie das neue Plakat gesehen und gleich mit dem Anwalt
gedroht. Deshalb heißt es jetzt „Mitsubischi“ mit sch. Das sollte hinhauen.
Ist es Zufall, dass Sie nach „Zen“ schon wieder einen japanischen Titel
gewählt haben?
Nein. Es heißt bei uns ja immer: Wir Steirer oder wir Österreicher
müssen zusammenhalten. Aber ich fühle mich vom Denken her eigentlich
als Japaner. „Mitsubischi“ ist ja die Weiterentwicklung von „Zen“. Damals
habe ich mich wirklich noch sehr mit Zen beschäftigt. Das habe ich jetzt
alles aufgegeben. Dieses ganze Gerede davon, dass der eine so weit erleuchtet
ist und der andere noch weiter ? das ist alles ein Blödsinn, glaube
ich. Das sollte in dem Programm vermittelt werden.
Die Buddhisten werden also wenig Freude haben? Es hat ja schon wegen
des alten Programms Streit gegeben.
Erst vor kurzem wollte ein Buddhist mit mir zum Raufen anfangen.
Das war ein Anhänger von Ole Nidal, einem tibetischen Lama, den ich
angeblich beleidigt habe. Ich hatte Ole Nidal gefragt, wie es Erleuchtung
geben kann, wenn niemand da ist, der erleuchtet werden kann ? weil Erleuchtung
ja die Auflösung des Ich ist. Da hat er gesagt: „Gute Frage.“
Sie sind also tatsächlich bei solchen Gurus gewesen?
Ja. Aber da gehe ich mittlerweile nicht mehr hin. Nur ein Zen-Meister
in der Schweiz hat mir gefallen. Der ist Friseur, eigentlich ein ganz
normaler Typ, hat aber irre Sachen aufgeführt. Ich bin zu dem hin und
hab gesagt, dass es die Erleuchtung nicht gibt. Und dann hat er gesagt:
„Genau so ist es! Du bist ja eh schon dort!“
Verfolgen Sie mit Ihren Auftritten auch eine Mission?
Ich würde gerne vermitteln, dass es keine Wahrheit gibt. Aber indem
man sagt, dass es keine Wahrheit gibt, ist das ja schon wieder eine
Wahrheit. Was soll man also sagen? Darum baue ich meine Objekte und
zeige sie den Leuten. Das ist eine direkte Erfahrung; der einzige Zugang
zum Leben, der nicht widerlegbar ist. So wie eine Watsche: Die kann
man auch nicht widerlegen. Ich sage ja immer: Alle Wege führen nach
Rom, aber dort wollte ich nie hin. Ich möchte die Menschen erlösen ?
von ihren Träumen, Glauben, Hoffnungen und Zielen. Solange man die hat,
kann man nicht zufrieden sein.
Und wie wollen Sie das anstellen?
Ich bastle für das Programm Buddhas aus Plastilin. Die Leute sollen
alle ihre Wünsche und Hoffnungen auf dieses Buddhas projizieren, und
dann hau ich die zusammen. Es gibt ja diesen buddhistischen Spruch:
„Wenn du Buddha triffst, erschlag ihn.“
Das erinnert an die Zerstörung der Buddhastatuen in Afghanistan durch
die Taliban ...
Das war echter Buddhismus! Das Loslassen ist das Größte überhaupt!
Ich glaube, jeder wirkliche Buddhist hat da nichts dagegen gehabt.
Was sind Sie jetzt eigentlich, philosophisch betrachtet?
Ich bin absoluter Nihilist. So wie Nietzsche.
Tragen Sie am Plakat deshalb dieses Schnurrbartmonster unter Ihrer Nase?
Genau.
Haben Sie Nietzsche auch gelesen?
Zumindest reingelesen. So wie auch bei Kant und vielen indischen
Texten. Ich sehe die neue Quantenphysik ja als Bestätigung dafür, dass
das, was vor 2000 Jahren in Asien gedacht wurde, doch nicht so ein Blödsinn
war. Aber was kommt heraus, wenn man das gelesen hat? Auch wieder nichts.
Ist die ganze Philosophie also umsonst? Diese ganze Fragerei nach dem
„Warum?“ ist jedenfalls ein Teufelskreis. „Warum?“ fragen sich nur die
Verlierer. Man stelle sich nur vor, die Tiere würden nach dem Warum
fragen. Fragt zum Beispiel ein Lachs einen anderen: „Warum soll ich
nach Alaska zurückschwimmen?“ Sagt der andere: „Damit du deine Eier
ablegst und stirbst.“ Dann würde sich jeder Lachs denken: „Da bleib
ich lieber da und esse meinen Kaviar selber.“
Was bleibt als Ausweg?
Also, der Mitsubischi macht einfach alles verkehrt. Wenn ich genug
Geld habe, möchte ich ein Grundstück kaufen und dort eine verkehrte
Welt, eine Art Themenpark errichten. Da wäre dann alles anders. Den
Ober im Kaffeehaus dürfte man dort nicht höflich um eine Melange bitten,
sondern müsste zum Beispiel „Eine Melange, Sie Drecksau!“ sagen. In
dieser Welt möchte ich dann leben.
Aber das ist ja jetzt auch eine Wunschvorstellung!
Ja, aber es ist mir wurscht, wenn sie sich nicht verwirklichen lässt.
Mir ist es im Grunde auch egal, wenn das neue Programm schlecht ankommt.
Fühlen Sie sich überhaupt als Kabarettist?
Gestern hat mich in Deutschland eine Journalistin aufgefordert, meinen
besten Witz zu erzählen. Da bin ich aufgestanden und gegangen. Ich bin
kein Witzeerzähler. Was ich da mache, mache ich ja nur aus Verzweiflung.
Humor ist schon ein bisschen ein Ausweg ? aber aus Verzweiflung. Verstand
muss auch verzweifeln, damit er frei wird. Mir imponieren so Leute wie
Helge Schneider. Bei dem ist das Programm im Grunde der Ausdruck seines
Lebens. Bei mir ist das auch ein bisschen so.
Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen das Kabarett einmal langweilig werden
könnte?
Für mich gibts eh nur das oder aussteigen. Der Vorteil ist, dass
ich die meisten Bedürfnisse nicht habe. Luxus interessiert mich nicht.
Meine Wohnung ist Substandard, ich hab nicht einmal eine Dusche. Drum
fahr ich auch gern auf Tournee, weil ich da duschen kann.
Was machen Sie mit dem Geld?
Ich leg einfach alles aufs Girokonto. Bei der Bank sagen sie immer:
„Herr Poier, da kriegen Sie ja keine Zinsen!“ Dann sag ich: „Ich will
ja gar keine. Nur, weil Sies wollen?“ Ich hab keine Bankomatkarte, kein
Handy, keinen Computer, nix. Das taugt mir. Ich nenne das positiven
Anarchismus.
Was halten Sie von der Forderung, nach dem 11. September sei Schluss
mit lustig, man müsse jetzt wieder ernst werden?
Ich bin ja ernst! Du musst den Spaß ja auch ernst nehmen, sonst verstehst
du ihn ja gar nicht. Ich meine das ja ernst. Ernst lustig. Das gehört
zusammen. Die Leute fragen mich oft, warum ich nix Politisches mache.
Sag ich: Dann wäre ich Bürgermeister geworden.
Üben Sie nicht auch Kritik an Fundamentalisten, die glauben, die Wahrheit
gefunden zu haben?
Wenn die glauben, dass es Allah freut, wenn sie mit dem Flieger da
hineinkrachen, kannst schwer was dagegen sagen. Nietzsche sagt: Wenns
keine Werte mehr gibt, kann man eh alles tun. So kann man sich auch
wieder ausreden. Auf der anderen Seite: Für was willst du kämpfen, wenns
die Wahrheit nicht gibt?
Würde es Sie interessieren, fürs Fernsehen zu arbeiten?
Ich wollte eine Show machen, die hätte „Am Dam Death“ heißen sollen.
Sie haben aber den Ciro de Luca genommen. Der „Phettberg“ war für mich
die geilste Show, die es in der Richtung gegeben hat. Das war lustig,
interessant und gscheit. Mit dem Ciro fange ich nichts an. Der macht
das nach, was man seit zehn Jahren aus Deutschland kennt.
Was halten Sie von Harald Schmidt, bei dem Sie ja schon mehrmals zu
Gast waren?
Bei den meisten deutschen Comedy-Sachen gehts nur darum, dass irgendwer
anderer verarscht wird. Man sagt ja, man macht sich über etwas lustig.
Das heißt, man macht sich lustig, aber man benützt, sagen wir, den Papst
dazu. Ich denke mir: Ich will nicht, dass der Papst lustig ist. Ich
will selber lustig sein. Das ist wirklich schwierig.
Wissen Sie wirklich keinen Witz?
Unlängst ist mir einer eingefallen: „Was macht eine Feministin, wenn
sie wirklich sauer ist? Sie kocht vor Wut.“ Der beste Witz, den ich
kenne, geht so: „Was ist der Unterschied zwischen einem Wirbelsturm
und einer Ehe? Gar keiner: Beides fangt mit einer kleinen Blaserei an,
und dann ist das Haus weg.“ Das find ich lustig.
Haben Sie eigentlich ein Auto?
Einen Tourbus, ja.
Was für eine Marke?
Toyota.
„Mitsubischi“ läuft von 8.11. bis 2.12., täglich außer So und Mo, in
der Kulisse (17., Rosensteingasse 39) sowie von 11. bis 15.12. im Vindobona
(20., Wallensteinplatz 6). Beginn jeweils 20 Uhr. Reservierung: Tel.
485!38!70 bzw. 332!42!31.