Europa hatte ein Herz für Alf

Alf Poier ist unzufriedener Sechster beim Song Contest geworden. Gewonnen hat türkischer Ethnopop.

Nein. Österreich wird keine neue Hymne bekommen. Die ergriffene Bevölkerung musste Samstag Abend nicht ehrfürchtig von der Couch aufstehen und mit patriotisch in Herzhöhe platzierter Hand das eigenwillige Lied von den "Haserln und Katzerln" anstimmen.

Denn Alf Poier hat den Grand Prix Eurovision de la Chanson 2003 in Riga nicht gewonnen. Aber doch ist sicher so manchem ein Kartoffelchip aus den Fingern geglitten, als gleich die erste Wertung (Island) Österreichs schrägem Kandidaten zehn Punkte gab. Gereicht hat es dann nicht, dass fast jedes Land ein paar Pünktchen für Alf Poier übrig hatte. Er wurde Sechster, das ist immerhin das beste Ergebnis für einen österreichischen Contestanten seit 1989. Damals wurde Thomas Forstner Fünfter mit dem Minimalismus-Schlager "Nur ein Lied", das sollte Poier vielleicht zu denken geben.

Gewonnen hat schließlich die Türkei. Sertab Erener schrie bemüht "Everyway that I can" und gab mit ihren Tänzerinnen einen stilisierten Schleiertanz, der Fragen aufwarf: Schleppt sie den Hotelvorhang mit sich herum oder ist es nur ein überdimensioniertes rosa Toilettenpapier? Und dennoch erwähnenswert, beschränkte sich doch bei vielen Teilnehmern die Tanzeinlage auf freundliches Flattern mit dem Fetzenärmel. Die Flatterärmel-Mode stand folglich an diesem Abend hoch im Kurs.

"Europa hat nichts anderes verdient", hat Alf Poier im Vorfeld des Bewerbs über seinen eigenen Antritt gesagt. Das kann man getrost auch über den Siegertitel sagen: Türkischer Folklore-Pop von den Komponisten von Tarkans "Simarik". Das war wohl der Grund, dass die beiden Lieder nahezu gleich klingen. Aber wie sagte schon der weise Vorjahresteilnehmer Manuel Ortega: "Es gibt halt nur eine beschränkte Anzahl von Noten."

Auch sonst war der Song Contest 2003 wieder ein Abend mit höchstem Wiedererkennungswert: Portugal schickte einen Shakira-Klon (22. Platz von 26), Frankreich setzte auf einen Celine-Dion-Verschnitt (18. Platz), Griechenland schien gar Dolly Buster geschickt zu haben (17. Platz). Ein fröhliches Wiedersehen auch mit den kreativen Standardgesten des Schlagerpops: Einmal sehnsuchtsvoll oder gar augenzwinkernd die Hand der Kamera entgegengestreckt, kurz darauf wehmütig oder siegessicher die Hand aufs Herz gedrückt. Apropos Hand: Die vorbereiteten Skandale blieben an diesem Abend erwartungsgemäß aus, keiner wurde disqualifiziert: Alf Poier griff sich züchtig statt in den Schritt auf den Bauch, das angebliche Lesben-Popduo t.A.T.u. ließ wenigstens für diese Show voneinander ab. Dafür wurden sie auch nur Dritte. Aber vielleicht lag es auch am erschreckend unmelodiösen Lied, das etwas deplaziert in all dem "Love and Sunshine"- Gepränge wirkte. Das Grundmotto haben die Letten ganz gut verstanden, nicht umsonst stand die Fernseh-Show optisch im Zeichen der aufblühenden Plastilin-Blume - es lebe die künstliche Natürlichkeit.

Und übrigens: So viel Aufregung um ein bisschen Gleichgeschlechtlichkeit und obszöne Gesten: Wie die Belgier muss man es machen, und in einer Fantasiesprache singen: Wer kann schon sagen, was die für Unanständigkeiten in ihre Sphärenklänge gepackt haben und damit sogar den zweiten Platz erreicht haben.

Aber im Grunde interessiert in Österreich ja nur: Hat uns Deutschland Punkte gegeben (ja, zwei), und hat - um Himmels Willen - Deutschland nicht gewonnen. Deutschland wurde Zwölfter. Sängerin Lou - ein mit dem Antrieb der Verzweiflung singender Pumuckl, dessen Background-Gruppe direkt aus der bunten Farbtopf-Hölle zu kommen schien - trat mit dem enervierenden "Let's get happy" vom traditionellen Gehörgangsverschmutzer Ralph Siegel an. Für ihn soll es diesmal das letzte Mal beim Song Contest gewesen sein. Wieder mal. Diesmal aber bitte wirklich! Ziemlich bitter ging der Abend für die britischen Teilnehmer aus: Mit "Cry Baby" bekamen die erfolgsverwöhnten Briten erstmals keinen einzigen Punkt und wurden traurige, aber verdiente Letzte. Das rote Eistanz-Tütü der Sängerin täuschte doch nicht hinreichend darüber hinweg, dass man der Armen anscheinend nicht gesagt hatte, dass auch Atemtechnik zum Singen gehört und nicht nur lange Beine. Die Teilnehmer selbst retteten sich in die politische Argumentation: Sie sahen das drastische Ergebnis als negative Reaktion auf die britische Rolle im Irak-Krieg. Sie wollen einfach nicht einsehen, dass unser Lied besser war.

Alf Poier ärgert sich dennoch. Weil er nicht gewonnen hat. "Eine Blamage für Österreich" sei sein sechster Platz, er wollte doch gewinnen. Er sei "maßlos enttäuscht vom Musikgeschmack Europas", ließ er der "Presse" per SMS ausrichten. Und daher auch nicht mit der ORF-Delegation zurück nach Österreich gereist. Koketterie oder erfrischende Ehrlichkeit? Kann sich nicht so mancher noch an Kandidaten erinnern, die einen vorletzten Platz noch schön reden wollten? Poier sieht auch schon eine neue Chance: "Udo Jürgens hat auch drei Anläufe gebraucht, um den Song Contest zu gewinnen." Gefährliche Drohung oder Hoffnung für ein kleines, im Song-Contest-Schicksal gebeuteltes Land? Egal. Immerhin hat Poier im roten T-Shirt mit dem geflügelten Totenkopf Österreich einen Startplatz fürs nächste Jahr gesichert. "Der Unterschied zwischen Affen und Primaten ist nicht viel größer als der zwischen Nudeln und Frittaten", singt Alf Poier in "Weil der Mensch zählt". In diesem Sinne: Auf zum nächsten Antritt.


Christina Böck
Die Presse, 26.05.2003